FFR 372

Die Jahreszeiten

Mit dieser Seite grüße ich die Musen

Klio - Melpomene - Terpsichore - Thalia - Euterpe - Erato - Urania - Polyhymnia - Kalliope

Frühling

läßt sein blaues Band

 wieder flattern durch

 die Lüfte

Süße, wohlbekannte Düfte

streifen ahnungsvoll das Land

Veilchen träumen schon,

wollen balde kommen

Horch, von fern ein leiser Harfenton!

Frühling, ja du bist`s!

Dich hab ich vernommen!

Eduard Mörike

Ein Sommertag in unserem Garten

Sommerbild

Friedrich Hebbel (1813-1863)

Ich sah des Sommers letzte Rose stehn,

  Sie war, als ob sie bluten könne, rot;

  Da sprach ich schaudernd im Vorübergehn:

  So weit im Leben ist zu nah am Tod!

Es regte sich kein Hauch am heißen Tag,

 Nur leise strich ein weisser Schmetterling;

 Doch ob auch kaum die Luft sein Flügelschlag bewegte, sie empfand es und verging.

Georg Trakl (1887-1914)

In einem alten Garten

Resedaduft entschwebt im braunen Grün,
Geflimmer schauert auf den schönen Weiher,
Die Weiden stehn gehüllt in weiße Schleier
Darinnen Falter irre Kreise ziehn.

Verlassen sonnt sich die Terrasse dort,
Goldfische glitzern tief im Wasserspiegel,
Bisweilen schwimmen Wolken übern Hügel,
Und langsam gehn die Fremden wieder fort.

Die Lauben scheinen hell, da junge Frau'n
Am frühen Morgen hier vorbeigegangen,
Ihr Lachen blieb an kleinen Blättern hangen,
In goldenen Dünsten tanzt ein trunkener Faun.

 

Annette von Droste-Hülshoff (1797-1848)

Sommer

Du gute Linde, schüttle dich!
Ein wenig Luft, ein schwacher West!
Wo nicht, dann schließe dein Gezweig
So recht, dass Blatt an Blatt sich presst.

Kein Vogel zirpt, es bellt kein Hund;
Allein die bunte Fliegenbrut
Summt auf und nieder übern Rain
Und lässt sich rösten in der Glut.

Sogar der Bäume dunkles Laub
Erscheint verdickt und atmet Staub.
Ich liege hier wie ausgedorrt
Und scheuche kaum die Mücken fort.

O Säntis, Säntis! läg' ich doch
Dort, - grad' an deinem Felsenjoch,
Wo sich die kalten, weißen Decken
So frisch und saftig drüben strecken,
Viel tausend blanker Tropfen Spiel;
Glücksel'ger Säntis, dir ist kühl!

Astern -  von Gottfried Benn

 Astern - schwälende Tage,

 alte Beschwörung, Bann -

 Die Götter halten die Waage

eine zögernde Stunde an -

Noch einmal die goldenen

Herden der Himmel,

das Licht, der Flor,

was brütet das alte Werden

unter den sterbenden Flügeln

vor?

Noch einmal das Ersehnte,

 den Rausch, der Rosen du -

 der Sommer stand und lehnte

und sah den Schwalben zu,

 noch einmal ein Vermuten,

 wo längst Gewißheit wacht:

die Schwalben streifen die

Fluten und trinken Fahrt und

 Nacht.

Verklärter Herbst

Gewaltig endet so das Jahr

Mit goldnem Wein und Frucht der Gärten.

Rund schweigen Wälder wunderbar

Und sind des Einsamen Gefährten.

 

Der Landmann sagt: Es ist gut!

Ihr Abendglocken lang und leise

Gebt noch zum Abschied frohen Mut.

Ein Vogelzug grüßt auf der Reise.

 

Es ist der Liebe milde Zeit.

Im Kahn den blauen Fluß hinunter

Wie schön sich Bild an Bildchen reiht,

Das geht in Ruh und Schweigen unter.

Georg Trakel

Zur Weihnachtszeit

     

    Kaschubisches Weihnachtslied

    von Werner Bergengruen

    Wärst du, Kindchen, im Kaschubenlande,
    Wärst du, Kindchen, doch bei uns geboren!
    Sieh, du hättest nicht auf Heu gelegen,
    Wärst auf Daunen weich gebettet worden.


    Nimmer wärst du in den Stall gekommen,
    Dicht am Ofen stünde warm dein Bettchen,
    Der Herr Pfarrer käme selbst gelaufen,
    Dich und deine Mutter zu verehren.

    Kindchen, wie wir dich gekleidet hätten!
    Müßtest eine Schaffellmütze tragen,
    Blauen Mantel von Kaschubischem Tuche,
    Pelzgefüttert und mit Bänderschleifen.

    Hätten dir den eignen Gurt gegeben,
    Rote Schuhchen für die kleinen Füße,
    Fest und blank mit Nägelchen beschlagen!
    Kindchen, wie wir dich gekleidet hätten!

    Kindchen, wie wir dich gefüttert hätten!
    Früh am Morgen weißes Brot mit Honig,
    Frische Butter, wunderweiches Schmorfleisch,
    Mittags Gerstengrütze, gelbe Tunke.

    Gänsefleisch und Kuttelfleck mit Ingwer,
    Fette Wurst und goldnen Eierkuchen,
    Krug um Krug das starke Bier aus Putzig!
    Kindchen, wie wir dich gefüttert hätten!

    Und wie wir das Herz dir schenken wollten!
    Sieh, wir wären alle fromm geworden,
    Alle Kniee würden sich dir beugen,
    Alle Füße Himmelswege gehen.

    Niemals würde eine Scheune brennen,
    Sonntags nie ein trunkner Schädel bluten, -
    Wärst Du, Kindchen, im Kaschubenlande,
    Wärst du, Kindchen, doch bei uns geboren!